Ostsee in Atemnot – Forscher schlagen Alarm
Das Binnenmeer ist unmittelbar vom biologischen Kollaps bedroht. Schuld sind zwei Phänomene, die Forschungsinstituten und Umweltschutzorganisationen zufolge direkt mit der globalen Erwärmung in Verbindung stehen:
In den vergangenen Jahrzehnten haben zunehmende Niederschlagsmengen in Nordeuropa mehr Süßwasser in die Ostsee gespült. Gleichzeitig sorgt die allgemeine Erwärmung dafür, dass weniger Stürme auftreten, wodurch weniger frisches Salzwasser aus der Nordsee in die Ostsee gespült wird.
Warum ist das Salzwasser so wichtig?
Das Salzwasser bindet einerseits höhere Mengen an Sauerstoff als Süßwasser. Dabei ist frisches Salzwasser essentiell für den Fischbestand der Ostsee: Denn der Dorsch laicht beispielsweise in etwa 60 Metern Tiefe, wo die Salzkonzentration optimal für die Fischeier ist. Dort wird allerdings zunehmend eine signifikant wachsende Sauerstoffarmut registriert, die zur Folge hat, dass die Fischeier absterben.
Weniger Stürme, weniger Zirkulation
Normalerweise sorgt eine natürliche Zirkulation durch Sonneneinstrahlung der Wasseroberfläche und ausreichend starke Stürme dafür, dass frisches, sauerstoffhaltiges Salzwasser bis tief unter die Oberfläche geleitet wird. Gleichzeitig steigt die Verbrauchsluft wie etwa Kohlendioxid aus den tieferen Regionen nach oben und wird wieder in die Atmosphäre freigesetzt..
Durch die fehlende Vermischung entstehen stark sauerstoffarme, regelrecht lebensfeindliche Zonen, in denen nicht einmal Bakterienaktivität mehr möglich ist: Hier wurden Konzentrationen geringer als 2 ml Sauerstoff pro Liter Meereswasser gemessen.
Mehr Dünger und saurer Regen seit den 1970er Jahren
Hinzu kommt ein weiteres Problem, dass bereits seit mehreren Jahren bekannt ist: Die intensive Förderung der Landwirtschaft seitens der EU in den Anrainerstaaten hat zu einer regelrechten Überdüngung der Ostsee geführt. Besonders Grünalgen finden viel Nahrung durch den übermäßigen Einsatz von NPK-Salzen (Nitrat, Phosphor, Kalium) als Düngemittel in der Landwirtschaft, die vom Niederschlag ausgewaschen und über Flüsse und andere Zuläufe in das Binnenmeer gespült wurden. Die Folge sind jährlich wiederkehrende, ständig wachsende und quadratkilometergroße Grünalgenteppiche, die sehr viel Sauerstoff verbrauchen und gleichzeitig das Meer darunter verdunkeln.
Schätzungsweise ein Sechstel der Ostsee ist bereits Todeszone
Doch etwa 70 000 der rund 200 000 Quadratkilometer Ostsee sind auch ohne die Grünalgenblüte bereits lebensfeindliche Gebiete – 2008 waren es der Fachzeitschrift Science zufolge übrigens bereits 42.000 Quadratkilometer, was einen Zuwachs der toten Gebiete um über 50 Prozent in nur zwei Jahren bedeutet!
Was tun?
Forscher vom Institut für Ostseefischerei machen am Beispiel Dorsch deutlich, wie dringend dieses Problem zu werden droht: Der Fisch, auch als Kabeljau oder „Brotfisch“ der Ostseefischer bekannt, konnte sich auch durch strikte Fangquoten nicht erholen. Dies beweist, dass nicht die Überfischung der Grund für die starken Rückläufe in der Fischpopulation ist.
Beim Anrainergipfel in Helsinki beschlossen Umweltverbände, Industrie und Dienstleistungsunternehmen gemeinsam, aktiv an der Eindämmung der Überdüngung mitzuwirken – so versprach etwa eine große Hotelkette, keine phosphathaltigen Reinigungsmittel mehr einzusetzen.
Von Seiten der Politik kamen eher ernüchternde Signale: Erstens erschienen nur untergeordnete und wenig publikumswirksame Vertreter der Anrainerstaaten. Zweitens wurden keine verbindlichen Absprachen zur Einschränkung der Agrar-Subventionen im Ostseeraum getroffen oder wirkungsvolle Maßnahmen gegen die Vergiftung der Ostsee beschlossen.
Haben Sie die Lösung?
Diskutieren Sie mit in unserem Forum und lassen Sie uns gemeinsam eine sinnvolle, umsetzbare Lösung finden – die wir bei den entsprechenden Stellen und Behörden als Vorschlag einreichen werden. Pünktlich zum nächsten Anrainergipfel, versteht sich!
Quellen:
Die Meeresspiegel steigen: Homepage der European Environment Agency
http://www.eea.europa.eu/data-and-maps/figures/changes-in-global-sea-level-1870-2006
Anrainergipfel in Helsinki, Februar 2010: Initiative gegen Ostsee-Verschmutzung
http://www.taz.de/1/zukunft/wirtschaft/artikel/1/die-ostsee-wird-gerettet/
Anrainergipfel in Helsinki, Februar 2010: Politische Ernüchterung
http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/2276929_Ostsee-Das-erstickte-Meer.html
Algenpest in der Ostsee 2008
http://www.stern.de/wissen/natur/umweltverschmutzung-kuestenmeere-drohen-zu-ersticken-622945.html
Zuwachs der Niederschlagsmenge in Europa und global
http://wiki.bildungsserver.de/klimawandel/index.php/Klima%C3%A4nderungen_in_Europa
Dendrochronologie beweist globalen Zuwachs in Niederschlagsmenge
http://www.waldwissen.net/themen/umwelt_landschaft/co2_klimaschutz/wsl_jahrringe_DE
Regenwasser hat höheren pH-Wert
http://www.landschaftsforschungszentrum.de/s1/downloads/Projekte/Carlsfeld/Thesen%20zum%20Huminstoffanstieg.pdf
WWF-Report: Die Ostsee erstickt an Steuergeldern
http://www.wwf.de/presse/details/news/die_ostsee_erstickt_an_steuergeldern/
Autor: Timo Essner am 15. Feb 2010 16:08, Rubrik: Sonstiges,
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