Atomenergie; Teil 6: Atomdebatte in der SZ — Lobbyismus light?
Das ist doch wirklich unglaublich:
Da veröffentlicht die Süddeutsche Zeitung, einst als sauber recherchierendes Blatt bekannt, am 03.08.2010 einen offenen Leserbrief des RWE-Chefs Jürgen Großmann in voller Länge, was an sich ja noch kein Verbrechen ist.
Was jedoch den Inhalt betrifft, überschreiten sowohl Großmann als auch die Verantwortlichen in der Redaktion der Süddeutschen Zeitung so manche Grenze – wenn nicht rechtlich, so doch zumindest im moralischen Sinne: Schließlich druckte die SZ an diesem Dienstag ungefiltert die längst schon überholten Lügen der Kernkraftlobbyisten, die paradoxerweise noch immer als Argumente für Atomstrom herangezogen werden:
Die Zuckungen der Ewiggestrigen oder Lobbyismus pur?
So fährt der RWE-Chef, dessen Unternehmen rund 70 Prozent seiner Energieproduktion aus Kernkraft gewinnt, gleich zu Beginn die dickste der drei standardmäßig angebrachten Lügen auf: Kernkraftwerke seien „nahezu CO2-neutral“.
Ganz abgesehen davon, dass mittlerweile nahezu alle beteiligten Länder die Panikmache um den CO2-verursachten Klimawandel zunehmend skeptischer betrachten, die BBC den selbsternannten Klimapapst und CO2-Zertifikate-Händler Al Gore inzwischen mehrerer grundlegender Fehler in seiner „Unbequemen Wahrheit“ entlarvt hat – sogar als Heuchler und Lügner bezeichnet, und russische Forscher kurioserweise wie einst auch hierzulande wieder von einer drohenden Eiszeit sprechen:
Rechnet man den gesamten Prozess vom Abbau des Uranerzes über den gesicherten Transport, den Betrieb im Kraftwerk, der Zwischenlagerung und Wiederaufbereitung in den entsprechenden Anlagen sowie die Entsorgung in Endlagerstätten mit ein, kommt man schnell auf eine weitaus höhere Bilanz – denn insgesamt produziert jede Kilowattstunde Atomstrom rund 60 g CO2!
An dieser Stelle muss man etwas genauer hinsehen. Denn Großmann spricht dabei einzig vom nahezu CO2-freien Betrieb der Kernkraftwerke. So bewahrheitet sich wieder einmal die biblische Weisheit: Auch das Weglassen der Wahrheit ist eine Lüge. Die Botschaft jedoch ist klar: Beim Leser soll die Formulierung ankommen als: Das, was du vor der Haustür siehst, ist sauber. Den ganzen Transport und das große Drumherum bekommt der Bürger im Normalfall auch gar nicht mit – denn das geschieht alles nachts, ganz heimlich, still und leise.
Platz Zwei und Drei der Top-Argumente
Darüber hinaus werden die alten Schreckgespenster der Energiesicherheit und natürlich der Arbeitsplätze reanimiert. Für solch eine wunderbare Steilvorlage muss man als Journalist schon beinahe dankbar sein:
Denn es wird in Deutschland weitaus mehr Strom produziert, als verbraucht wird. Dass Deutschland gleichzeitig von Energiemporten aus Russland oder Norwegen abhängig ist, liegt dabei einerseits an der Kaufentscheidung durch den Verbraucher – also etwa dem Wechsel zur Nutzung von Strom aus Gas oder Wasserkraft, andererseits an dem Verbrauch etwa durch die Schwerindustrie, welche durch gleichmäßige Versorgung mit sehr hohen Energiemengen angewiesen ist – diese wird größtenteils von Braunkohle- oder Gaskraftwerken gedeckt.
Die Überproduktion, die zwischen 5 und sogar 40 Prozent liegen kann – abhängig vom Wetter (Wind und Solar), der Anzahl betriebener AKW (nach Störfällen sinkt die Produktion von Atomstrom logischerweise) und dem Angebot von Rohstoffen (Kohle, Gas und Öl) – entspricht dabei etwa der Menge an Strom, die durch deutsche Kernkraftwerke überproduziert wird. So würde eine Abschaltung der teilweise veralteten und sicherheitsgefährdenden Atomkraftwerke in Deutschland die Energiesicherheit kaum gefährden, die Sicherheit der Bevölkerung dagegen wesentlich erhöhen.
Das Totschlagargument der Erwerbssicherheit
Bleibt also die Frage um die Arbeitsplätze: Großmann befürchtet, dass rund 900.000 Arbeitsplätze akut gefährdet sind, sofern die Bundesregierung nicht endlich den Ausstieg aus dem Atomausstieg erklären würde und diese angeblich unverzichtbare Branche retten würde.
Diese Zahl ließ sich bei der Gegenrecherche leider nicht belegen; 2002 beispielsweise waren in der Atomkraft lediglich 30.000 Arbeitnehmer beschäftigt – seitdem ging es mit der angeblich sicheren Branche mit jedem Störfall stetig bergab. Und selbst wenn die Atomindustrie ihre Angestelltenzahlen inzwischen verdoppelt hätten, könnte sie doch längst noch nicht mit den erneuerbaren Energien mithalten!
Hier sind die gemessenen Effekte für den Arbeitsmarkt durch die erneuerbaren Energien durchaus von höchster Stelle belegbar:
So stieg die Zahl der Beschäftigten in der Branche der grünen Stromproduktion dem Bundesministerium für Umwelt, Naturchutz und Reaktorsicherheit (BMU) im Jahr 2008 um mehr als 10 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Mit rund 300.000 Vollzeit-Arbeitnehmern bechäftigt die Branche also rund zehn Mal so viel wie die Atomindustrie. Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigt sich optimistisch und prognostiziert der Branche für Wind-, Wasser- und Solarstrom einen Zuwachs von 100.000 Arbeitnehmern in den nächsten zehn Jahren und gar 600.000 Angestellten bis 2030.
Fakt und Fiktion
Dass Herr Großmann als lupenreiner Lobbyist der Atomindustrie die Datenbasis adäquat plausibilisiert (= liest sich: „die Zahlen so zurechtbiegt, wie es ihm grad passt“), ist natürlich klar und wundert den geneigten Leser wohl kaum noch. Dass aber ein einstmals renommiertes Blatt wie die Süddeutsche Zeitung sich in die Reihe von Bild und Bunte stellt und offenbar völlig unreflektiert groben Falschaussagen und vermutlich frei erfundenen Zahlen ein Forum bietet ist mindestens fahrlässig: Denn auf diese Weise erlaubt die Redaktion einer offensichtlich einseitigen und faktisch streitbaren Darstellung zu einem Thema von hohem öffentlichen Interesse, vom Renommée der Süddeutschen Zeitung zu profitieren und bundesweit einer Vielzahl von Lesern gewissermaßen druckfrisch aufs Frühstücksbrötchen zu schmieren.
An dieser Stelle ist vielleicht ein Zitat eines amerikanischen Anchormans der Nachrichten-Satire, Jon Stewart, angebracht: „If the industry isn’t allowed to legally f*ck you anymore, they’re just going to tell you, they’re making sweet, sweet love to you.“ Das bedeutet übersetzt soviel wie: Wenn der Verbraucher nicht mehr belogen werden kann oder darf, wird er einfach mit Schreckensbildern und Totschlagargumenten davon überzeugt, dass der Status quo das berühmte geringere Übel bedeutet.
Quo vadis et cui bono
Doch was bezweckt ein Herr Großmann, wenn er der deutschen Öffentlichkeit die selben alten Falschdarstellungen warmhält? Dass dem ein knallhartes wirtschaftliches Interesse zugrunde liegt, ist vermutlich einleuchtend; doch nebenbei sind die Ziele langfristiger Natur:
Wer trägt die Kosten?
Angesichts von den Skandalen um die Atommülllager Gorleben und Asse, und den Beinahe-GAUs in Krümmel und Brunsbüttel 2008, leerer Staatskassen und der skandalösen Rettung der um Milliarden verschuldeten Banken im Zuge der Immobilien- und Finanzkrise 2009 ist es in Deutschland politisch nicht mehr durchsetzbar, den Rückbau der Atomanlagen durch die öffentliche Hand zu tragen. Dies hatte man in den Klüngeleien der korruptionsschwangeren 1960er und 1970er Jahren der Industrie versprochen – es galt schließlich, die Energiesicherheit zu gewährleisten!
Heute müsste die Atomindustrie für den Rückbau jedes Atomkraftwerks rund 2 Milliarden Euro aufbringen. Dazu kommt die Einlagerung des Abfalls, der kontaminierten Böden und des Baumaterial in Endlagern. Eine Laufzeitverlängerung würde den politischen Entscheidungsträgern verübergehend Luft verschafften, bis jemand anderes die Entscheidung treffen muss, und die Industrie von ihrer Verantwortung, die verursachte Verschmutzung zu beseitigen vorerst entbinden. Ein Ausstieg heute würde zwangsläufig binnen fünf Jahren eine öffentliche Diskussion über Rückbau und Entsorgung sowie die Kosten hierfür hervorrufen – angesichts des „grünen Zeitgeists“ in der Bevölkerung ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt für die Atomindustrie als auch die politischen Vertreter.
Derzeit sind in Deutschland noch 17 Atomkraftwerke im Betrieb. Seit 1961 wurden insgesamt 37 Meiler gebaut. Die Kosten für den Rückbau aller Anlagen sowie der hinterlassenen Verseuchung wird auf rund 100 Milliarden Euro geschätzt. Wenn Herr Großmann also als Argument vorbringt, die Atomkraft sei bezahlbar, dann ergibt sich daraus zwangsläufig die Frage, wer am Ende die Kosten tragen wird und in welcher Höhe.
Operation Ablenkung
Eine andere Frage, die beim Thema Atomkraft in Deutschland gerne aufgebracht wird, ist jene um die Sicherheit der Angestellten in den Kernkraftwerken sowie der Bevölkerung im Umland, selbst wenn kein Unfall geschieht – und einmal ganz zu schweigen von der Terrorgefahr.
Indem Herr Großmann und Konsorten mit großer Vehemenz die drei Punkte der CO2-Bilanz, der Energiesicherheit und der Arbeitsplatzerhaltung unterstreichen, lenken sie gleichzeitig mehr oder weniger geschickt von Krebsstatisken bei Mitarbeitern und deren Angehörigen ab, von alarmierend hohen Leukämieraten bei Kinden im Radius bis zu 150 Kilometern, von Unfruchtbarkeit bei Mensch und Tier in der Umgebung von Atomkraftwerken, multiplen Krebsarten, von der nuklearen Verseuchung des für die Kühlung benötigten Flusswassers und von der Kontamination der umgebenden Böden bei Stör- oder Unfällen aller Couleur.
Fazit
Angesichts von derartig gezielter Desinformation im Leserbrief des RWE-Chefs Großmann in einem so meinungsstarken Medium wie der Süddeutschen Zeitung möchte ich dem geneigten Leser zum Abschluss nicht nur untenstehende weiterführende Quellen empfehlen, sondern zudem zwei Zitate mit auf den Weg geben:
1. „Question authority – think for yourself“ – Timothy Leary
2. „Das erste, was im Krieg stirbt, ist die Wahrheit“ – Bertolt Brecht
Es herrscht Krieg auf dem Energiemarkt. Ein waschechter PR-Krieg. Und dieser Krieg wird mit Ihnen, dem Verbraucher, als Schachfigur mit allen dreckigen Mitteln, mit Lügen, Betrügen und Intrigen, mit Hochglanzkampagnen und wohlklingenden aber stets unverbindlichen Versprechungen ausgetragen. Lassen Sie sich nicht verarschen!
Lesen Sie dazu auch:
Atommüll und die Skandale in Deutschland
Atomenergie, Chronik und Kosten
Atomkraft und die Folgen: Schwarzmarkt für Atomkraft
Sehen Sie dazu auch:
Arte-Dokumentation „Alptraum Atommüll“
http://nuoviso.tv/umwelt/albtraum-atommuell.html
Reinhard Mey – Sei wachsam
Quellen:
http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/atomdebatte-rwe-chef-grossmann-sauber-bezahlbar-und-sicher-1.982694
http://www.zeit.de/2010/01/Kommentar-Strom
http://www.heise.de/tr/artikel/Zuviel-Wind-in-Schleswig-Holstein-278623.html
http://www.tagesschau.de/wirtschaft/smartgrid100.html
http://www.heise.de/newsticker/meldung/DIW-rechnet-mit-tausenden-neuen-Arbeitsplaetzen-durch-erneuerbare-Energien-1049969.html
http://www.erneuerbare-energien.de/inhalt/43440/40289/
http://www.facts-on-nuclear-energy.info/7_less_jobs.php?size=b&l=de
http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,469153,00.html
Autor: Timo Essner am 4. Aug 2010 06:35, Rubrik: Aktuelle News, Atomenergie,
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Hallo!
Du schreibst etwas von 60g CO2 / MWh. Das ist falsch, denn es wäre extrem wenig! Tatsächlich sind es (meines Wissens nach) ca. 32 g / kWh, was immer noch nicht viel ist (ich glaube da kommt nur die Windkraft drunter), jedoch die unabschätzbaren Aufwendungen für die Endlagerung nicht eingerechnet hat.
Gruß
Philipp